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Automatische vs. manuelle Schmierung: Einfluss auf Lagerzuverlässigkeit

5 Min. Lesezeit
Automatische SchmierungLagerschmierung

Worum es geht

Die Schmierung ist der einzige Wartungsvorgang, der direkt den Schmierfilm zwischen den Wälzkörpern und der Laufbahn beeinflusst. Wenn dieser Film reisst, läuft Metall auf Metall. SKF Lincoln hat in einer Langzeitstudie manuelle und automatische Schmierung an identischen Maschinenparks verglichen. Die Ergebnisse liefern eine klare Entscheidungsgrundlage für Instandhaltungsverantwortliche: Der Unterschied zwischen zuverlässigen und unzuverlässigen Lagern liegt nicht am Lager und nicht am Schmierstoff, sondern am Schmiervorgang selbst.

Zentrale Ergebnisse der Studie

Die Felddaten von SKF Lincoln zeigen:

  • Bis zu 60% weniger Lagerausfälle bei Maschinen mit automatischer Schmierung im Vergleich zu manuell geschmierten Maschinen gleicher Bauart und Belastung.
  • Der Hauptfaktor ist nicht die Menge, sondern die Regelmässigkeit: Kleine, gleichmässige Schmierstoffmengen in kurzen Intervallen erhalten den Schmierfilm zuverlässiger als grosse Mengen in langen Abständen.
  • Automatische Systeme reduzieren den Schmierstoffverbrauch um 20 bis 30% gegenüber manueller Schmierung, weil sie exakt die benötigte Menge dosieren, nicht mehr und nicht weniger.
  • Die Lagertemperatur bei automatisch geschmierten Maschinen liegt im Durchschnitt niedriger und gleichmässiger, was auf einen stabileren Schmierfilm hinweist.
  • Die Nachschmierintervalle bei manueller Schmierung weichen in der Praxis um 30 bis 50% vom vorgeschriebenen Plan ab, mit steigender Tendenz bei Personalmangel und Schichtwechseln.

Technischer Hintergrund

Warum Regelmässigkeit wichtiger ist als Menge

Ein Wälzlager benötigt einen elastohydrodynamischen Schmierfilm (EHD-Film) zwischen den Wälzkörpern und der Laufbahn. Dieser Film ist nur wenige Mikrometer dick und wird durch den Schmierstoff aufrechterhalten. Die Physik ist eindeutig:

Zu viel Schmierstoff auf einmal erzeugt Walkarbeit im Lager. Das Fett wird zwischen den Wälzkörpern durchgeknetet, erwärmt sich, und die Temperatur steigt. Im Extremfall kann Überschmierung den Dichtungsring herausdrücken, Schmierstoff in den Motor gelangen lassen oder den Lagerkäfig beschädigen.

Zu wenig Schmierstoff über zu lange Zeit lässt den Schmierfilm abreissen. Die Wälzkörper laufen metallisch auf der Laufbahn. Es entstehen Mikrorisse (Pittings), die sich zu Muschelausbrüchen (Spallings) entwickeln. Dieser Schaden ist irreversibel.

Die richtige Schmierung liefert kleine Mengen in kurzen, regelmässigen Intervallen. Genau das leisten automatische Schmiersysteme: Sie dosieren präzise und zeitgesteuert, unabhängig von Schichtplan, Arbeitslast oder Zugänglichkeit der Schmierstelle.

Die Schwachstellen manueller Schmierung

Die Studie von SKF Lincoln identifiziert fünf systematische Schwachstellen der manuellen Schmierung:

  1. Intervalle werden nicht eingehalten. Der Schmierplan gibt 14-tägige Intervalle vor. In der Praxis wird geschmiert, wenn gerade Zeit ist. Bei Schichtwechseln, Produktionsspitzen oder Personalausfällen verlängern sich die Intervalle auf drei, vier oder sechs Wochen.
  2. Die Fettpresse dosiert ungenau. Ein Pumphub einer Standard-Fettpresse fördert je nach Bauart und Zustand zwischen 1 und 3 Gramm Fett. Die vorgeschriebene Menge für ein bestimmtes Lager kann aber bei 0.5 oder bei 15 Gramm liegen. Ohne Dosiervorrichtung ist die richtige Menge Schätzung.
  3. Nicht alle Schmierpunkte sind zugänglich. Schmiernippel hinter Verkleidungen, über Kopf oder in beengten Platzverhältnissen werden seltener geschmiert als gut erreichbare. Der Schmierplan behandelt alle Punkte gleich, die Realität nicht.
  4. Falscher Schmierstoff wird eingefüllt. Ohne klare Kennzeichnung der Schmierstellen (Farbcodierung, Nippeltyp) kommt es zu Verwechslungen. Unverträgliche Schmierstoffe reagieren miteinander und verlieren ihre Schmierwirkung.
  5. Kein Nachweis der Durchführung. Manuelle Schmierung wird auf Papierlisten abgehakt. Ob tatsächlich geschmiert wurde, in der richtigen Menge und am richtigen Punkt, lässt sich nicht nachvollziehen.

Praxiseinschätzung aus 210+ Diagnosen

In unseren forensischen Maschinendiagnosen gehört die Schmierung zu den drei häufigsten Befundfeldern. Das Muster ist fast immer identisch: Ein Lager fällt vorzeitig aus, der Schadensbericht vermerkt “Lagerschaden”, und ein neues Lager wird eingebaut. Die Frage, ob die Schmierung korrekt war, wird selten gestellt.

Wenn wir das Schadensbild am ausgebauten Lager analysieren, zeigt sich in vielen Fällen ein Schmierungsmangel: Verfärbte Laufbahnen, Trockenlaufspuren, verhärtetes Fett. Die Maschine zeigt den Lagerschaden. Aber die Ursache liegt nicht im Lager. Sie liegt im System: fehlende Schmieranweisung, unklare Verantwortlichkeit, kein Monitoring des Schmiervorgangs, kein geschultes Personal.

Ein automatisches Schmiersystem löst das Problem der Regelmässigkeit und Dosierung. Aber auch hier gilt: Das System muss korrekt eingestellt sein (Menge, Intervall, Schmierstoff), die Leitungen müssen frei sein, und die Funktion muss überwacht werden. Automatische Schmierung ist kein “Einbauen und Vergessen”, sondern ein Systemwechsel von personenabhängiger zu prozessgesteuerter Schmierung.

Die Ursache liegt selten in der Maschine. Das Lager ist das Symptom. Die fehlende Schmierungssystematik ist die Ursache.

Was Instandhaltungsverantwortliche jetzt tun können

  1. Schmierausfälle als Systemfehler behandeln, nicht als Einzelversagen. Wenn ein Lager wegen mangelhafter Schmierung ausfällt, ist nicht der Schichtmitarbeiter schuld. Das System hat keinen Mechanismus, der korrekte Schmierung sicherstellt.
  2. Kritische Schmierstellen identifizieren. Nicht jeder Schmierpunkt braucht ein automatisches System. Aber Stellen mit hoher Ausfallfolge (Produktionsstopp), schwieriger Zugänglichkeit oder kurzen Nachschmierintervallen sind Kandidaten für Automatisierung.
  3. Schmierstoffverbrauch messen und mit Sollwerten vergleichen. Wenn der Verbrauch deutlich über oder unter dem rechnerischen Bedarf liegt, stimmt die Dosierung nicht. Zu hoher Verbrauch deutet auf Überschmierung hin, zu niedriger auf ausgelassene Schmiervorgänge.
  4. Ausgebaute Lager analysieren, nicht nur ersetzen. Das Schadensbild am Lager verrät die Ursache: Verfärbungen zeigen Wärme, trockene Laufbahnen zeigen Schmiermangel, zerdrückte Käfige zeigen Überschmierung. Dieses Wissen geht verloren, wenn das Lager ungeprüft in den Schrott wandert.
  5. Schmierungskompetenz schulen. Die richtige Schmierung ist kein Intuitionsjob. Schulen Sie Ihr Instandhaltungspersonal in Schmierstoffauswahl, Dosierung, Intervallberechnung und Schadensbild-Erkennung.

Der wirtschaftliche Hebel

Die Wirtschaftlichkeit automatischer Schmiersysteme lässt sich an drei Grössen messen: weniger Lagerausfälle (bis zu 60% laut SKF Lincoln), geringerer Schmierstoffverbrauch (20 bis 30% Einsparung) und reduzierter Personalaufwand für Schmierrundgänge. Bei einem Maschinenpark mit 200 Schmierstellen und wöchentlichen Rundgängen summiert sich der Aufwand auf mehrere hundert Arbeitsstunden pro Jahr, die für wertschöpfende Instandhaltungsarbeit fehlen.

Der grösste Hebel liegt allerdings nicht in der Kostenersparnis, sondern in der Zuverlässigkeit: Jeder vermiedene ungeplante Stillstand ist ein Produktionstag, den das Unternehmen nicht verliert. Die Investition in automatische Schmierung amortisiert sich in den meisten Fällen innerhalb von 6 bis 12 Monaten.

Der erste Schritt ist einfach: Identifizieren Sie die zehn Schmierstellen mit den häufigsten Lagerschäden und den höchsten Ausfallfolgekosten. Dort beginnt die Automatisierung, und dort zeigt sich der Effekt am schnellsten.

Quellen

Pirmin Cavelti
Zusammenfassung von

Forensischer Diagnostiker für die Produktion und Maschinenprofiler. Seit über 15 Jahren diagnostiziert er Produktionsanlagen dort, wo andere nur Maschinen sehen.

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