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Drahtlose Sensoren im Condition Monitoring: Stand der Technik und Praxiserfahrung

5 Min. Lesezeit
VibrationsanalyseZustandsüberwachungCondition Monitoring

Die Studie im Überblick

Plant Engineering (CFE Media) hat die Erfahrungen von über 200 Industrieunternehmen mit drahtlosen Condition-Monitoring-Systemen ausgewertet. Die Studie zeigt zwei zentrale Ergebnisse:

  • 50 bis 70% geringere Überwachungskosten gegenüber kabelgebundenen Systemen. Der grösste Kostenblock fällt weg: Kabelverlegung, Kabelkanäle, Durchführungen, Installationsarbeiten und laufende Wartung der Verkabelung.
  • Dreimal mehr überwachte Maschinen bei gleichem Budget. Unternehmen, die auf drahtlose Sensoren umgestellt haben, konnten die Anzahl der überwachten Messpunkte im Durchschnitt verdreifachen, ohne zusätzliches Budget zu benötigen.

Diese Zahlen zeigen ein klares wirtschaftliches Bild. Aber die Studie zeigt auch, wo drahtlose Systeme an ihre Grenzen stossen.

Was drahtlose Sensoren können

Der technologische Fortschritt der letzten Jahre hat drahtlose Vibrationssensoren zu einem verlässlichen Werkzeug gemacht:

  • Schwer zugängliche Stellen: Messpunkte an Deckengebläsen, in Schächten, hinter Schutzvorrichtungen oder an beweglichen Maschinenteilen waren mit kabelgebundenen Systemen kaum wirtschaftlich überwachbar. Drahtlose Sensoren machen diese Stellen erstmals systematisch zugänglich.
  • Gefährliche Bereiche: In explosionsgefährdeten Zonen (ATEX), bei Hochtemperaturanwendungen oder in der Nähe von rotierenden Teilen entfällt der regelmässige Routengang mit tragbarem Messgerät, der das Personal gefährdet.
  • Schnelle Skalierung: Ein drahtloser Sensor lässt sich in Minuten montieren. Eine kabelgebundene Installation erfordert Planung, Kabelwege, Durchbrüche und oft einen Anlagenstillstand. Die niedrige Einstiegshürde ermöglicht einen schrittweisen Ausbau der Überwachung.
  • Nachrüstung im laufenden Betrieb: Bestehende Anlagen können ohne Stillstand in ein Monitoring-System eingebunden werden, was bei kabelgebundener Installation oft nicht möglich ist.

Wo drahtlose Systeme an Grenzen stossen

Die Studie identifiziert auch die Schwachstellen, die in der Praxis über Erfolg oder Misserfolg entscheiden:

Messintervalle und Batterielebensdauer: Drahtlose Sensoren messen nicht kontinuierlich. Ein typischer Sensor misst alle 15 Minuten bis alle 4 Stunden und sendet die Daten per Funk. Bei schnell laufenden Maschinen mit kurzen Schadensverläufen kann dieses Intervall zu lang sein. Die Batterielebensdauer (typisch 3 bis 5 Jahre) steht in direktem Zielkonflikt mit der Messfrequenz: häufigere Messungen verkürzen die Lebensdauer erheblich.

Datenqualität: Kabelgebundene Sensoren liefern typisch hochaufgelöste Zeitverläufe (bis 50 kHz Abtastrate). Drahtlose Sensoren arbeiten oft mit reduzierten Auflösungen oder vorverarbeiteten Kennwerten (RMS, Crest-Faktor), um das Datenvolumen für die Funkübertragung zu reduzieren. Für die reine Trendüberwachung reicht das. Für eine detaillierte Frequenzanalyse zur Schadensidentifikation (BPFO, BPFI, Zahneingriff) kann es zu wenig sein.

Funkreichweite und Umgebung: Metallstrukturen, dicke Wände und elektromagnetische Störfelder in Industrieumgebungen reduzieren die Funkreichweite deutlich. Die in Laborbedingungen angegebenen 100+ Meter schrumpfen in der Praxis häufig auf 20 bis 30 Meter.

Die grösste Hürde: Der Mensch, nicht die Technik

Die wichtigste Erkenntnis der Studie ist diese: Die grösste Hürde beim drahtlosen Condition Monitoring ist nicht die Technik, sondern die Integration in bestehende Entscheidungsprozesse.

Die Studie identifiziert drei kritische Erfolgsfaktoren:

  1. Klare Eskalationspfade: Wer wird bei einem Alarm informiert? Wer entscheidet über Massnahmen? Wer gibt den Stillstand frei? Ohne definierte Entscheidungskette erzeugen Alarme nur Verunsicherung, keine Handlung.
  2. Richtige Messintervalle: Zu häufiges Messen verkürzt die Batterielebensdauer unnötig. Zu seltenes Messen verpasst schnelle Schadensverläufe. Das richtige Intervall hängt von der Kritikalität der Maschine, der Drehzahl und dem erwarteten Schadensverlauf ab.
  3. Kontextdaten: Vibrationsdaten ohne Wissen über den Betriebszustand sind schwer interpretierbar. Ein Schwingungswert, der bei Volllast normal ist, kann bei Teillast bereits auf einen Schaden hinweisen. Ohne Verknüpfung mit Last, Drehzahl und Prozessparametern bleiben die Daten mehrdeutig.

Was die Studie nicht zeigt: Die Kosten falscher Alarme

Ein Aspekt, den die Plant-Engineering-Studie nur am Rand behandelt, ist das Problem der Fehlalarme. In der Praxis erzeugen drahtlose Systeme, die ohne saubere Schwellenwertdefinition und ohne Kontextdaten betrieben werden, eine hohe Rate an Fehlalarmen. Die Folge: Das Instandhaltungsteam lernt, die Alarme zu ignorieren. Nach wenigen Wochen wird das System nur noch als Störquelle wahrgenommen, nicht als Entscheidungshilfe.

Dieser Effekt ist kein technisches Problem des Sensors. Er ist ein Organisationsproblem. Die Schwellenwerte müssen maschinenspezifisch definiert, über eine Einlaufphase kalibriert und regelmässig überprüft werden. Das erfordert Know-how und Zeit, die in der Planung oft nicht eingeplant werden.

Einordnung aus der Praxis: 210+ Maschinendiagnosen

In unseren forensischen Diagnosen bei Maschinenprofiler beobachten wir ein wiederkehrendes Muster: Unternehmen investieren in Sensortechnik, bevor sie ihre CM-Strategie definiert haben. Das Ergebnis sind hunderte von Datenpunkten, die niemand systematisch auswertet, und Alarme, auf die niemand reagiert.

Drahtlose Sensoren sind ein Werkzeug, kein Selbstzweck. In unserer Arbeit klären wir deshalb zuerst die strategischen Fragen:

  • Welche Maschinen sind kritisch? Nicht jede Maschine braucht Condition Monitoring. Die Auswahl muss sich am Ausfallrisiko und den wirtschaftlichen Folgen orientieren (Kritikalitätsanalyse).
  • Welche Schadensmechanismen sind relevant? Vibration ist nur eine von vielen Messgrössen. Temperatur, Stromaufnahme, Ölqualität oder akustische Emission können für bestimmte Schadensbilder aussagekräftiger sein.
  • Wer wertet die Daten aus? Ohne Kompetenz in der Interpretation sind Sensordaten wertlos. Die Investition in die Messtechnik muss mit einer Investition in die Analysekompetenz einhergehen.

Die Studie von Plant Engineering bestätigt diese Sicht. Die Technologie ist reif. Die Herausforderung liegt nicht im Sensor, sondern im System rund um den Sensor: Strategie, Prozesse, Kompetenz und Entscheidungskultur.

Handlungsempfehlungen für Instandhaltungsleiter

  1. CM-Strategie vor Sensorauswahl: Definieren Sie zuerst die kritischen Maschinen, die relevanten Schadensmechanismen und die Entscheidungsprozesse. Erst danach die passende Messtechnik auswählen.
  2. Klein starten, systematisch skalieren: Beginnen Sie mit 10 bis 20 Messpunkten an den kritischsten Maschinen. Sammeln Sie Erfahrung mit Dateninterpretation und Eskalationsprozessen, bevor Sie in die Breite gehen.
  3. Messintervalle anpassen: Nicht jede Maschine braucht dasselbe Intervall. Kritische Hochdrehzahl-Aggregate brauchen kürzere Intervalle als langsam laufende Getriebe.
  4. Kontextdaten verknüpfen: Sorgen Sie dafür, dass Betriebszustand, Last und Drehzahl zusammen mit den Vibrationsdaten erfasst oder nachvollzogen werden können.
  5. Analysekompetenz aufbauen: Ein Sensor ohne geschultes Personal dahinter erzeugt Daten, keine Erkenntnisse. Investieren Sie in die Befähigung Ihrer Leute.
  6. Wenn trotz Monitoring derselbe Schaden wiederholt auftritt, liegt die Ursache nicht im fehlenden Sensor. Dann braucht es eine forensische Diagnose auf Systemebene.

Quelle

Plant Engineering / CFE Media. “Wireless Condition Monitoring: Lessons from 200+ Industrial Deployments.” https://www.plantengineering.com/articles/wireless-condition-monitoring/

Pirmin Cavelti
Zusammenfassung von

Forensischer Diagnostiker für die Produktion und Maschinenprofiler. Seit über 15 Jahren diagnostiziert er Produktionsanlagen dort, wo andere nur Maschinen sehen.

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