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Kettenschmierung: Wie Schmierregime die Kettenlebensdauer bestimmen

6 Min. Lesezeit
Automatische SchmierungLagerschmierung

Worum es geht

Rollenketten sind in der Industrie allgegenwärtig: Fördertechnik, Verpackungsmaschinen, Mühlen, Holzverarbeitung, Lebensmittelproduktion. Ihre Lebensdauer variiert in der Praxis um den Faktor 10 und mehr, obwohl die gleichen Ketten unter vergleichbaren Lasten eingesetzt werden. Der Lehrstuhl für Maschinenelemente der TU München hat in systematischen Prüfstandsversuchen und Feldstudien untersucht, welchen Einfluss das Schmierregime auf die Kettenlebensdauer hat. Das Ergebnis ist eindeutig: Nicht die Kette entscheidet über die Lebensdauer, sondern ob der Schmierstoff das Gelenk erreicht.

Zentrale Ergebnisse der Forschung

Die Untersuchungen der TU München zeigen:

  • Faktor 3 bis 5 längere Lebensdauer bei korrekter Gelenkschmierung im Vergleich zu ungeschmierten oder falsch geschmierten Ketten. Unter optimalen Bedingungen (richtige Viskosität, richtiger Auftragspunkt, richtige Menge) erreichen Ketten Standzeiten, die weit über der “normalen” Erwartung vieler Instandhalter liegen.
  • Die kritische Schmierstelle ist das Kettengelenk, also der Kontakt zwischen Bolzen und Buchse. Hier findet die Relativbewegung statt, hier entsteht der Verschleiss, hier muss der Schmierfilm aufrechterhalten werden. Die Seitenflächen der Kettenlaschen sind tribologisch unkritisch.
  • Temperatur ist ein zuverlässiger Indikator für den Schmierzustand der Gelenke. Korrekt geschmierte Kettengelenke laufen messbar kühler als trocken laufende. Eine Infrarotmessung am Kettenlauf liefert innerhalb von Sekunden eine Aussage über den Schmierzustand.
  • Längung als Verschleissindikator: Der Verschleiss im Kettengelenk zeigt sich als Kettenlängung. Eine Rollenkette gilt als verschlissen, wenn sie 2 bis 3% ihrer Nominallänge überschritten hat. Diese Messung ist einfach durchzuführen und liefert ein objektives Kriterium für den Austauschzeitpunkt.
  • Verunreinigungen im Schmierstoff wirken als Schleifmittel. Staub, Metallabrieb und Produktionsrückstände binden sich im Schmierstoff und beschleunigen den Gelenkverschleiss. In stark verschmutzten Umgebungen kann offene Schmierung kontraproduktiv sein.

Technischer Hintergrund

Warum das Gelenk der entscheidende Punkt ist

Eine Rollenkette besteht aus Innen- und Aussenlaschen, die über Bolzen und Buchsen miteinander verbunden sind. Bei jedem Ein- und Auslauf am Kettenrad schwenkt die Lasche um den Bolzen. Diese Schwenkbewegung erzeugt eine Gleitreibung zwischen Bolzen und Buchse, die ohne Schmierfilm zum Materialabtrag führt.

Der Verschleiss im Gelenk hat eine direkte Konsequenz: Die effektive Teilung der Kette vergrössert sich (Kettenlängung). Wenn die Teilung die Toleranz des Kettenrads überschreitet, läuft die Kette nicht mehr sauber in die Zahnlücken ein. Es entstehen Stösse, erhöhte dynamische Kräfte und beschleunigter Verschleiss an Kette und Kettenrad gleichzeitig.

Die Schmierstoff-Falle: Aussen nass, innen trocken

Die Forschung der TU München beschreibt einen Effekt, den wir in der Praxis regelmässig bestätigen: Überschmierung der Aussenflächen verdeckt eine Unterschmierung der Gelenke. Die Kette sieht geschmiert aus. Die Aussenlaschen glänzen. Aber der Schmierstoff hat das Gelenk nie erreicht.

Dieser Effekt tritt besonders bei drei Bedingungen auf:

  1. Falscher Auftragspunkt: Der Schmierstoff wird von aussen auf die Lasche gesprüht statt von innen auf den Bolzen-Buchse-Kontakt aufgebracht. Die Oberflächenspannung des Schmierstoffs und die Kapillarwirkung reichen oft nicht aus, um den Spalt zwischen Bolzen und Buchse zu durchdringen.
  2. Zu hohe Viskosität bei niedrigen Temperaturen: Ein Schmierstoff, der bei Raumtemperatur fliessfähig ist, kann bei Hallentemperaturen unter 10°C so zäh werden, dass er den Gelenkspalt nicht mehr erreicht. Die Aussenfläche wird benetzt, das Gelenk bleibt trocken.
  3. Zu kurze Einwirkzeit: Automatische Schmiersysteme, die nur bei laufender Kette schmieren, geben dem Schmierstoff keine Zeit, in das Gelenk einzudringen. Der grösste Teil wird durch die Fliehkraft nach aussen geschleudert.

Häufige Fehler in der Praxis

Aus den Forschungsergebnissen der TU München und unserer eigenen Diagnosepraxis lassen sich fünf wiederkehrende Fehler identifizieren:

  1. Schmierstoff erreicht die Gelenke nicht. Der Auftragspunkt liegt falsch, oder die Düsen eines automatischen Systems sind nicht korrekt positioniert. Die Sichtprüfung (“Die Kette ist nass”) täuscht über den tatsächlichen Schmierzustand hinweg.
  2. Viskosität passt nicht zur Betriebstemperatur. Ein Schmierstoff, der im Sommer optimal funktioniert, ist im Winter zu zäh. Umgekehrt kann ein dünnflüssiger Schmierstoff bei hohen Temperaturen so schnell ablaufen, dass kein dauerhafter Film entsteht.
  3. Kettenlängung wird nicht gemessen. Ohne Messung der Längung gibt es kein objektives Kriterium für den Verschleisszustand. Die Kette wird getauscht, wenn sie reisst oder wenn die Kettenräder sichtbar verschlissen sind. Beides ist zu spät.
  4. Verunreinigungen werden nicht berücksichtigt. In staubigen oder schmutzigen Umgebungen (Holzverarbeitung, Lebensmittelproduktion, Zementindustrie) bindet offener Schmierstoff Partikel, die als Schleifpaste wirken. Hier ist die Wahl des Schmierverfahrens (offen vs. geschlossen, nass vs. trocken) entscheidend.
  5. Kettenspannung wird nicht kontrolliert. Eine zu lockere Kette schlägt, eine zu straffe Kette erhöht die Lagerlast der Kettenräder. Beides beschleunigt den Gelenkverschleiss und überlagert den Effekt der Schmierung.

Praxiseinschätzung aus 210+ Diagnosen

In unseren forensischen Diagnosen sehen wir bei Kettenantrieben ein Muster, das dem der Lagerschmierung ähnelt: Die Kette wird als Verschleissteil betrachtet, das “eben irgendwann” getauscht werden muss. Die Frage, warum die Kette in Maschine A doppelt so lange hält wie in Maschine B gleicher Bauart, wird selten gestellt.

Wenn wir die beiden Maschinen vergleichen, finden wir den Unterschied fast immer im Schmierregime: Die eine hat einen korrekt positionierten automatischen Schmierer, die andere wird manuell geschmiert, oder der automatische Schmierer hat eine verstopfte Leitung, die niemand bemerkt hat.

Die Ursache liegt selten in der Kette. Die Kette zeigt den Verschleiss. Die Ursache liegt im System: falsche Düsenposition, nicht angepasste Viskosität, fehlende Längungsmessung, nicht überwachte Schmierleitungen.

Automatische Kettenschmiersysteme lösen das Problem des richtigen Zeitpunkts und der richtigen Menge. Aber die Positionierung der Düsen ist entscheidend: Der Schmierstoff muss das Kettengelenk an der Innenseite des Kettenlaufs erreichen, idealerweise kurz vor dem Einlauf in das Kettenrad, wo die Fliehkraft den Schmierstoff ins Gelenk drückt statt herausschleudert.

Was Instandhaltungsverantwortliche jetzt tun können

  1. Auftragspunkt prüfen und dokumentieren. Wo trifft der Schmierstoff auf die Kette? Erreicht er den Bolzen-Buchse-Kontakt? Im Zweifelsfall Kette öffnen und den Gelenkzustand visuell prüfen: Ist der Bolzen trocken, stimmt der Auftragspunkt nicht.
  2. Kettenlängung regelmässig messen. Ein einfaches Messlineal oder eine Kettenlehre genügt. Messen Sie an mindestens drei Stellen und dokumentieren Sie den Trend. Die Längungsrate verrät, ob die Schmierung wirkt.
  3. Temperatur als Schnelltest nutzen. Eine Infrarotmessung am Kettenlauf im Betrieb zeigt innerhalb von Sekunden, ob die Gelenke geschmiert sind. Heisse Stellen deuten auf trockene Gelenke hin.
  4. Schmierstoff an die Betriebsbedingungen anpassen. Viskosität, Temperaturbereich, Verunreinigungsresistenz und Auftragsverfahren müssen zusammenpassen. Der Schmierstoffhersteller liefert die Daten, die Anpassung an die Praxis liegt beim Betreiber.
  5. Automatische Systeme überwachen, nicht nur installieren. Leitungsdruck, Düsendurchfluss und Schmierstoffvorrat müssen in die regelmässige Kontrolle eingebunden sein. Ein leerer oder verstopfter Schmierer schmiert nicht.

Der wirtschaftliche Hebel

Eine Rollenkette kostet je nach Bauart und Grösse zwischen 200 und 5’000 CHF. Der Kettenwechsel an einer laufenden Produktionsanlage kostet ein Vielfaches davon, weil die Anlage steht. Wenn korrekte Schmierung die Kettenlebensdauer um den Faktor 3 bis 5 verlängert, bedeutet das: Aus einem jährlichen Kettenwechsel wird ein Wechsel alle drei bis fünf Jahre. Die eingesparten Stillstände und Materialkosten übersteigen die Investition in ein korrekt eingestelltes Schmiersystem um ein Vielfaches.

Entscheidend ist: Die Massnahmen kosten fast nichts. Auftragspunkt korrigieren, Viskosität anpassen, Längung messen. Der grösste Aufwand liegt darin, das Problem überhaupt als solches zu erkennen.

Quellen

Pirmin Cavelti
Zusammenfassung von

Forensischer Diagnostiker für die Produktion und Maschinenprofiler. Seit über 15 Jahren diagnostiziert er Produktionsanlagen dort, wo andere nur Maschinen sehen.

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